Installation der Heiligen Schrift der Sikhs
Amritsar, India
Man stelle sich vor: Ein Buch wird zum König erhoben. Kein Scherz, kein Metapher. Ein physisches, gebundenes Objekt, das fortan als lebender Herrscher verehrt wird, als unfehlbare Autorität, die über jedem Menschen steht. Das ist genau das, was am 1. September 1604 in Amritsar geschah, als der Adi Granth, die heilige Schrift der Sikhs, erstmals im Harmandir Sahib, dem Goldenen Tempel, installiert wurde.
Vor diesem Tag war die Welt für viele spirituell Suchende eine komplizierte Angelegenheit. Sie brauchten einen Guru, einen lebenden Meister, der sie führte. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit all seinen Fehlern und Launen, der aber auch die göttliche Weisheit verkörperte. Das funktionierte prächtig, solange der Guru weise und unverdorben blieb. Doch was, wenn nicht? Was, wenn der Mensch, der die spirituelle Macht innehatte, menschlich versagte? Die Geschichte ist voll von solchen Dilemmata, von Führern, die den Erwartungen nicht standhielten oder deren Lehren nach ihrem Tod entstellt wurden.
Und dann kam Guru Arjan Dev, der fünfte Sikh-Guru, ein Mann mit einer Mission und offensichtlich einer gewissen Vorliebe für Ordnung. Er verbrachte Jahre damit, die Lehren seiner Vorgänger – die ersten vier Gurus – sowie Verse von Hindu-Bhakta-Saints und muslimischen Sufi-Heiligen zu sammeln, zu überprüfen und zu systematisieren. Er war, wenn man so will, der ultimative Lektor, Herausgeber und Kurator der spirituellen Weisheit seiner Zeit. Über 6.000 Hymnen fasste er zusammen, schrieb selbst einen beträchtlichen Teil und schuf damit ein Werk von fast 1.430 Seiten, die im Original über 6.000 Zeilen pro Seite umfassen können. Eine Fleißarbeit, die ihresgleichen sucht, und ein erstaunlicher Akt der Inklusivität in einer oft gespaltenen Welt.
Das war der Moment, in dem das Unvorstellbare möglich wurde: eine Religion, deren höchste Autorität nicht in einem fehlbaren Menschen, sondern in einem unveränderlichen, von Gott inspirierten Text lag. Als der Adi Granth an jenem Herbsttag feierlich von Bhai Buddha, einem der ältesten und angesehensten Sikhs, in den Tempel getragen und auf einem Podest platziert wurde, war das mehr als eine Buchpräsentation. Es war eine Revolution. Die höchste Ehre, die bisher einem lebenden Guru zuteilwurde, wurde nun einem Buch zuteil. Es wurde nicht nur gelesen, sondern verehrt, als ob der Guru selbst anwesend wäre. Jeder, der es liest, weiß, dass man es nicht einfach irgendwo ablegt, sondern an einem Ehrenplatz bewahrt und mit Respekt behandelt.
Was wurde danach gewöhnlich? Die Idee, dass Wahrheit und Führung nicht an eine Person gebunden sind, sondern in einem kollektiven, offenbarten Werk verankert sein können. Die Sikhs bekamen damit eine unerschütterliche Basis, eine immerwährende Quelle der Inspiration, die nicht sterben konnte, nicht korrumpiert werden konnte und keine Nachfolgestreitigkeiten auslöste. Nach Arjan Devs Martyrium im Jahr 1606 und dem späteren Tod des zehnten Gurus, Guru Gobind Singh, im Jahr 1708, wurde der Adi Granth formell als der ewige Guru der Sikhs erklärt und in Guru Granth Sahib umbenannt. Er war nicht mehr nur eine Sammlung heiliger Texte; er war der lebendige Guru, der ewige König.
Heute ist das Guru Granth Sahib das Zentrum des Sikhismus, eine Quelle täglicher Weisheit und spiritueller Führung. Es ist ein Buch, das man mit Respekt behandelt, vor dem man sich verneigt und dessen Worte man als göttliche Anweisung betrachtet. Und so sitzt es, das alte Buch, immer noch da, unbeeindruckt von den Jahrhunderten, die an ihm vorbeigezogen sind, und demonstriert eindrucksvoll, dass manche Herrscher eben doch unsterblich sein können – zumindest wenn sie aus Tinte und Papier bestehen.