Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg
Vienna, Austria-Hungary
Ein Ultimatum, das niemand erfüllen konnte, wurde am 23. Juli 1914 dem serbischen König überreicht – zehn Punkte, jede einzelne eine Demütigung, zusammen ein unmögliches Angebot. Österreich-Ungarn hatte beschlossen, dass die Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand mit Krieg beantwortet werden musste, und Serbien sollte das Werkzeug sein, auf dem dieses Prinzip exekutiert wurde.
Die Sache war diese: Bis zu diesem Moment hatten europäische Großmächte Kriege noch wie eine Art diplomatisches Spiel gespielt. Man drohte, man verhandelte, man zog sich zurück. Konflikte waren regional, begrenzt, kontrollierbar. Ein Staat konnte einen anderen bestrafen, ohne dass die ganze Welt in Flammen aufging. Das Gleichgewicht der Kräfte war das Geheimnis – jede Partei wusste, dass zu weit gehen bedeutete, dass andere eingreifen würden. Dieses System war über hundert Jahre alt. Es hatte funktioniert, weil alle es respektierten.
Dann kam der 28. Juli 1914. Österreich-Ungarn erklärte Serbien den Krieg. Nicht, weil die Diplomatie gescheitert war – sie war nie wirklich versucht worden –, sondern weil Wien beschlossen hatte, dass Serbien zerstört werden musste. Der österreichische Generalstab hatte die Zahlen durchgerechnet: Sie könnten es tun. Russland war schwach. Frankreich war weit weg. Deutschland hatte zugesagt, Österreich den Rücken zu decken.
Was folgte, war das Ende der alten Ordnung. Innerhalb von drei Wochen hatte jede europäische Großmacht außer Italien mobilisiert. Russland marschierte auf, um Serbien zu schützen. Deutschland erklärte Russland den Krieg. Frankreich mobilisierte für Russland. Deutschland marschierte in Belgien ein, um Frankreich zu schlagen, und Großbritannien erklärte Deutschland den Krieg, weil Belgien neutral sein sollte. Das Domino-System, das niemand wirklich verstanden hatte, spielte sich ab wie ein Uhrwerk.
Hier ist das Verrückte daran: Niemand wollte diesen Krieg wirklich. Die Kaiser schrieben sich Briefe, in denen sie versuchten, ihn zu verhindern. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war entsetzt, als er erkannte, dass sein Bündnissystem ihn in genau den Zweifrontenkrieg gezogen hatte, den der Generalstab sein ganzes Leben lang hatte vermeiden wollen. Aber niemand wusste, wie man das Rad anhielt. Die Befehle waren ausgegeben. Die Züge fuhren. Die Soldaten marschierten.
Vor dem 28. Juli 1914 war es möglich gewesen, sich Krieg zwischen Großmächten vorzustellen und dann zu denken: Das wird nicht passieren. Die Kosten sind zu hoch. Die Verflechtung zu groß. Nach diesem Tag war klar, dass rationale Kalkulationen nicht zählten. Systeme konnten sich selbst zerstören. Und tatsächlich zerstörten sie sich selbst – vier Jahre lang, 20 Millionen Tote, und die alte Welt war einfach weg.
Der österreichische Außenminister Leopold Berchtold unterschrieb die Kriegserklärung mit den Worten: "Jetzt können wir nur noch beten." Das war nicht die Sprache eines Mannes, der einen Sieg geplant hatte. Es war die Sprache eines Mannes, der gerade etwas Unumkehrbares getan hatte und es nicht einmal richtig verstand.