Daily History
Krieg & Konflikt

Ende der römischen Belagerung: Zerstörung des Jerusalemer Tempels

Jerusalem, Roman Judea

Als die Zehntausenden in Jerusalem eingekesselten Menschen im Sommer des Jahres 70 n. Chr. auf die römischen Belagerungstürme blickten, wussten sie, dass ihre Zeit ablief. Einer dieser Türme, ein monströses Holzgebilde, das bis zu 60 Meter hoch gewesen sein muss – das ist höher als ein modernes zehnstöckiges Gebäude – wurde von Legionären Stück für Stück zusammengebaut und rollte dann langsam, aber unaufhaltsam an die Mauern der Stadt heran. Die Verteidiger hatten zuvor schon drei der vier römischen Legionen abgewehrt, die seit April die Stadt umzingelten, aber diese Türme waren eine andere Liga.

Man fragt sich, wie man solch gigantische Kriegsmaschinen überhaupt bauen und bewegen konnte. Die Römer verwendeten vorgefertigte Holzteile, die sie oft Hunderte von Kilometern weit transportierten. Dann, direkt vor den Augen der Belagerten, fügten Ingenieure diese zu Kolossen zusammen, die mit Leder und Eisenplatten gegen Brandpfeile geschützt waren. Im Inneren befanden sich Rampen, die es Hunderten von Soldaten ermöglichten, gleichzeitig die Mauern zu stürmen. Es war weniger ein direkter Angriff als ein technisches Wunderwerk aus Holz und Muskelkraft, das schrittweise den Widerstand brach.

Das wahre Grauen begann jedoch nicht mit den Türmen, sondern mit den Katapulten. Die Römer hatten Dutzende von Ballisten und Onagern, die riesige Steine schleuderten. Ein einziger Stein, der bis zu 25 Kilogramm wiegen konnte – so viel wie ein großes Kind – wurde mit solcher Wucht abgefeuert, dass er nicht nur Mauern durchschlug, sondern auch ganze Reihen von Verteidigern niedermähte. Der jüdische Historiker Josephus Flavius, der die Belagerung miterlebte, beschrieb, wie der Anblick eines aufsteigenden Geschosses die Menschen zu panischer Flucht trieb, weil sie wussten, dass selbst ein direkter Treffer durch einen einzelnen Stein tödlich war. Es war ein psychologischer Krieg, geführt mit tonnenschweren Projektilen.

Die Belagerung dauerte fast fünf Monate, und die Nahrungsmittelknappheit im Inneren der Stadt war entsetzlich. Josephus berichtet, dass einige Mütter ihre eigenen Kinder aßen, ein grauenhaftes Detail, das die Verzweiflung der Eingeschlossenen unterstreicht. Als die Römer schließlich die letzte Verteidigungslinie durchbrachen, betraten sie eine Stadt, in der schätzungsweise 600.000 Menschen vor Hunger und Krankheit gestorben waren, noch bevor das Schwert der Legionäre überhaupt zuschlug. Die Zerstörung des Tempels, des Herzstücks des jüdischen Glaubens, erfolgte dann am 30. August. Titus, der römische General, hatte angeblich befohlen, den Tempel zu verschonen, aber ein römischer Soldat warf eine Fackel in das Heiligtum. Das darauf folgende Inferno war so heftig, dass die geschmolzenen Goldverzierungen des Tempels in die Ritzen der Steine flossen, was die Legionäre dazu motivierte, jeden Stein umzudrehen, um an das Edelmetall zu gelangen. Ironischerweise wurde so die Prophezeiung erfüllt, dass kein Stein auf dem anderen bleiben würde – nicht durch göttliches Gericht, sondern durch römische Gier nach Gold.

Am Ende wurden schätzungsweise 97.000 Überlebende in die Sklaverei geführt, viele von ihnen nach Ägypten, wo sie in Bergwerken schuften mussten. Die Belagerung von Jerusalem war nicht nur ein militärischer Sieg, sondern eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß, die das jüdische Volk für fast zwei Jahrtausende in die Diaspora schickte. Der Triumphbogen des Titus in Rom, der heute noch steht, zeigt die geraubten Tempelschätze, darunter die Menora. Er ist ein Denkmal für einen Sieg, der die Welt für immer veränderte, gebaut aus dem Gold, das aus den geschmolzenen Überresten eines zerstörten Heiligtums gewonnen wurde.

Quelle: en.wikipedia.org/wiki/AD 70

Krieg & Konflikt

Großer Nordischer Krieg endet: Russland steigt zur Europamacht auf

Nystad, Sweden

Großer Nordischer Krieg endet: Russland steigt zur Europamacht auf — Nystad, Sweden
Bild: Imonoz · CC BY-SA 4.0

Man könnte meinen, ein Krieg sei zu Ende, wenn eine Seite besiegt ist. Doch am 30. August 1721, als in Nystad der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, der den Großen Nordischen Krieg beendete, zeigte sich einmal mehr: Das Ende der Kampfhandlungen ist oft nur der Beginn einer neuen Art von Buchhaltung. Was die meisten Chronisten gerne übersehen, ist die verblüffende Tatsache, dass die siegreiche Seite, Russland unter Peter dem Großen, Schweden für die abgetretenen Gebiete nicht nur nicht enteignete, sondern sogar eine beträchtliche Summe zahlte: zwei Millionen Reichstaler in Silber. Ein absurder Preis für einen Triumph, der zwei Jahrzehnte Blut und Entbehrung gekostet hatte.

Stellen Sie sich das vor: Zwanzig Jahre lang hatte sich das riesige, aber rückständige Russland mit dem einst so dominanten Schweden gemessen. Peter der Große hatte sein Reich mit eiserner Hand modernisiert, eine Flotte aus dem Nichts gestampft, eine Armee nach europäischem Vorbild geformt und eine neue Hauptstadt, Sankt Petersburg, auf sumpfigem Grund errichtet, wobei Zehntausende von Zwangsarbeitern ihr Leben ließen. Karl XII. von Schweden hingegen, ein militärisches Genie mit einer Vorliebe für das Dramatische, führte seine Truppen von Sieg zu Sieg, nur um sie in den Weiten Russlands und der Ukraine zu verlieren – vor allem in der katastrophalen Schlacht bei Poltawa 1709, die als Wendepunkt gilt.

Nach Karls Tod 1718, bei der Belagerung einer norwegischen Festung unter mysteriösen Umständen, war Schweden ausgeblutet, seine Großmachtstellung dahin. Die Bevölkerung war dezimiert, die Staatskasse leer. Russland hingegen, obwohl siegreich, war ebenfalls erschöpft. Peter hatte sein „Fenster zum Westen“ – den Zugang zur Ostsee – errungen, aber zu welchem Preis? Die Kriege hatten die russische Bevölkerung um schätzungsweise bis zu 20 Prozent reduziert, und das Land war bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit strapaziert. Diplomatisch war es daher klüger, den ehemaligen Feind nicht vollständig zu demütigen, sondern ihm eine Art „Schadensersatz“ anzubieten, der den Schein von Legalität wahrte und Schweden eine minimale wirtschaftliche Erholung ermöglichte. Diese zwei Millionen Taler, gezahlt für Livland, Estland, Ingermanland und Teile Kareliens, waren nicht nur eine Geste, sondern eine Investition in einen stabilen Frieden und eine subtile Anerkennung der vormaligen schwedischen Herrschaft.

Großer Nordischer Krieg endet: Russland steigt zur Europamacht auf — Nystad, Sweden
Bild: David von Krafft · Public domain

Die Verhandlungen in Nystad, einer kleinen Stadt im heutigen Finnland, waren zäh. Die schwedische Delegation, angeführt von Graf Johan Liljenstedt, war in einer denkbar schlechten Position. Die russischen Unterhändler, darunter Graf Heinrich Johann Friedrich Ostermann, wussten dies genau. Doch Peter wollte nicht nur Land, er wollte Anerkennung seiner neuen Rolle als europäische Großmacht. Und so wurde der Preis für den Frieden nicht nur in Territorien, sondern auch in jenen zwei Millionen Silbermünzen festgelegt. Für Peter war es ein geringer Betrag, um seine Errungenschaften zu zementieren und den letzten Rest des Widerstands zu besänftigen.

Als der Vertrag schließlich unterzeichnet wurde, war es kein reiner Sieg der Waffen, sondern auch ein Triumph der zynischen Diplomatie. Schweden, einst der „Löwe des Nordens“, wurde zu einer Regionalmacht degradiert, während Russland seinen Platz am europäischen Tisch einnahm – ein Platz, den es mit viel Blut und einem überraschend hohen Kaufpreis erkämpft hatte. Das Ende des Krieges markierte nicht nur eine territoriale Verschiebung, sondern die Geburt eines neuen Machtgefüges, dessen Fundament mit Millionen von Toten und zwei Millionen Taler Silber bezahlt worden war.

Großer Nordischer Krieg endet: Russland steigt zur Europamacht auf — Nystad, Sweden
Bild: Einar von Strokirch, 1879-1932 · Public domain

Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Great Northern War

Religion & Philosophie

Papst exkommuniziert Heinrich VIII., englische Reformation vertieft sich

Rome, Papal States

Papst exkommuniziert Heinrich VIII., englische Reformation vertieft sich — Rome, Papal States
Bild: Urban VIII · Public domain

Manchmal sind die Dinge so klar, so selbstverständlich, dass man sich nicht vorstellen kann, wie sie jemals anders sein könnten. Im August 1535 war das für die meisten Europäer die unerschütterliche Autorität des Papstes. Seit Jahrhunderten war der Bischof von Rom das spirituelle Oberhaupt der westlichen Christenheit, ein Vermittler zwischen Himmel und Erde, dessen Wort in Fragen des Glaubens, der Moral und der Eheschließung ultimatives Gewicht hatte. Könige regierten, ja, aber der Papst krönte sie, bestätigte ihre Dynastien und konnte sie, im schlimmsten Fall, exkommunizieren – ein spirituelles Todesurteil, das einen Monarchen im Mittelalter in den Ruin treiben konnte.

Und dann war da Heinrich VIII. von England. Ein Mann, der einst vom Papst selbst den Ehrentitel „Verteidiger des Glaubens“ erhalten hatte, weil er Martin Luther widersprach. Doch dieser selbe Heinrich hatte ein Problem: Er wollte unbedingt einen männlichen Erben, und seine Ehe mit Katharina von Aragón hatte nur eine lebende Tochter hervorgebracht. Als Papst Clemens VII. sich weigerte, Heinrichs Ehe für nichtig zu erklären – nicht zuletzt, weil Katharina die Tante des mächtigen Kaisers Karl V. war und der Papst dessen Gefangener gewesen war –, beschloss Heinrich, dass er diesen päpstlichen Schnickschnack einfach nicht mehr brauchte. Kurzerhand erklärte er sich 1534 mit den „Acts of Supremacy“ selbst zum „Supreme Head of the Church of England“. Ein König, der quasi seine eigene Kirche gründet, um seine Scheidung zu genehmigen – man stelle sich das vor. Das war, als würde man dem Schiedsrichter die Pfeife wegnehmen und sich selbst zum Sieger erklären.

Das war der Moment, als in Rom die Geduld endgültig riss. Am 30. August 1535 tat Papst Paul III., der Nachfolger Clemens’ VII., das, was man von ihm erwartete, aber niemand wirklich wollte: Er erließ die päpstliche Bulle „Eius qui immobilis“. Darin wurde Heinrich VIII. feierlich exkommuniziert, seine Untertanen von ihrem Treueeid entbunden, und – als wäre das nicht genug – England wurde mit dem Interdikt belegt, was bedeutete, dass keine Sakramente mehr gespendet werden durften. Rein theoretisch eine Katastrophe, die ein ganzes Reich in Aufruhr versetzen sollte.

Papst exkommuniziert Heinrich VIII., englische Reformation vertieft sich — Rome, Papal States
Bild: The Catholic news agency of the Bishops' Conference of Bosnia and Herzegovina · Attribution

Doch hier kommt der Clou, der diesen Akt so vielschichtig macht: Die Bulle wurde nicht sofort veröffentlicht. Sie lag in den päpstlichen Archiven, ein scharfes Schwert, das in der Scheide blieb. Papst Paul III. tat dies aus einer Mischung von Hoffnung und Furcht. Hoffnung, dass Heinrich zur Vernunft kommen würde, und Furcht vor der Reaktion Karls V., der zwar Katharina von Aragóns Neffe war, aber auch ein Bündnis mit England gegen Frankreich nicht ausschließen wollte. Was war also die Wirkung? Zunächst einmal: keine. Die Welt drehte sich weiter, Heinrich regierte, und in England ging das Leben für viele weiter, als wäre nichts geschehen. Die Exkommunikation, die das Fundament Englands erschüttern sollte, war vorerst ein Papiertiger, dessen Zähne man nicht zeigte.

Es dauerte Jahre, bis die Bulle in einer umfassenderen Form tatsächlich veröffentlicht wurde, und bis dahin hatte sich die religiöse Landschaft Englands unwiderruflich verändert. Die vermeintlich unumstößliche Einheit der christlichen Welt war zerbrochen, nicht mit einem Knall, sondern mit einem zögerlichen Flüstern aus Rom, das erst viel später zum Schrei wurde. Der Papst hatte den König verdammt, aber die Welt hatte nicht aufgehört, sich zu drehen. Sie hatte sich nur in eine neue, unerwartete Richtung bewegt, angetrieben von der Sturheit eines Königs und der Zögerlichkeit eines Papstes.

Papst exkommuniziert Heinrich VIII., englische Reformation vertieft sich — Rome, Papal States
Bild: Leo X · Public domain

Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Papal bull

Politik & Staat

Tokugawa Ieyasu zieht in die Burg Edo ein: Weg zum Shogunat beginnt

Edo, Japan

Der Geruch von nassem Holz, Schilf und Brackwasser hing schwer über der Bucht von Edo an jenem schwülen Augusttag des Jahres 1590. Ein Geruch, der von einem Ort sprach, der noch nicht wusste, was er werden sollte. Eine Ansammlung von Hütten, umgeben von einem rudimentären Wall, ein Fischerdorf, das sich an eine schlammige Flussmündung klammerte. Hier, in diesem feuchten Nichts, betrat Tokugawa Ieyasu, ein Mann von eiserner Geduld und noch eisernerem Willen, seine neue Residenz. Es war keine strahlende Eroberung, kein triumphaler Einzug in eine prächtige Festung. Es war der Einzug in ein Versprechen, ein blasses Fundament für eine Zukunft, die niemand sich auch nur hätte ausmalen können.

Vor diesem Tag war Japan ein zerrissenes Reich. Drei Jahrhunderte des Sengoku-Jidai, der „Zeit der streitenden Reiche“, hatten das Land in ein Flickenteppich von Feudalherrschaften verwandelt, die sich unaufhörlich bekämpften. Die Vorstellung von dauerhaftem Frieden, von einer Generation, die ohne das Geräusch des marschierenden Fußvolks und das Klirren von Katana aufwuchs, war eine Utopie. Die „drei großen Reichseiniger“ – Oda Nobunaga, Toyotomi Hideyoshi und Ieyasu selbst – hatten das Land mit Blut und Feuer geformt, doch die Stabilität war stets fragil, die Macht kurzlebig.

Ieyasu, der von Hideyoshi als Belohnung für seine Dienste in die damals unbedeutende Kanto-Region versetzt wurde, erhielt nicht Gold oder Ruhm, sondern 2,5 Millionen Koku Land – eine Einheit, die der Menge Reis entsprach, die einen Mann ein Jahr lang ernähren konnte. Doch dieses Land war ein Sumpf, die Burg Edo eine bescheidene Trutzburg, die eher an ein besseres Bauernhaus erinnerte. Der Hof, der ihn empfing, war eher eine Handvoll verzagter Vasallen als ein Gefolge. Doch Ieyasu sah nicht den Schlamm, sondern das Potenzial. Er sah eine leere Leinwand, weit entfernt von den politischen Intrigen Kyotos, einen Ort, den er von Grund auf neu gestalten konnte.

Was niemand an diesem Tag ahnte, war, dass Ieyasus Entscheidung, diesen ungeliebten Außenposten zu seinem Zentrum zu machen, den Grundstein für die längste ununterbrochene Friedensperiode in der japanischen Geschichte legen würde: die 268 Jahre der Edo-Zeit. Wo zuvor das permanente Geräusch des Krieges lag, würde bald die Stille einer streng geordneten Gesellschaft herrschen. Die Kunst, die Wissenschaft, die Wirtschaft – alles, was zuvor unter dem Stiefel des Krieges erstickte, konnte nun in einem Maße gedeihen, das vor Ieyasus Ankunft in Edo undenkbar gewesen wäre. Eine Stadt, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts vielleicht 15.000 Einwohner zählte, würde innerhalb von zwei Jahrhunderten auf über eine Million anwachsen und zur größten Metropole der Welt werden. Eine bemerkenswerte Leistung für einen Ort, an dem man sich vor Ieyasus Ankunft Sorgen machen musste, ob man genug Trinkwasser finden würde.

Der Anblick der zerfallenen Burg, des überfluteten Landes und der spärlichen Bevölkerung muss für viele seiner Begleiter entmutigend gewesen sein. Doch Ieyasus Stärke lag nicht im Bau prächtiger Paläste, sondern in der visionären Organisation und der eisernen Disziplin. Er begann sofort mit der Trockenlegung der Sümpfe, dem Bau von Kanälen und der Errichtung einer Infrastruktur, die nicht nur für Kriege, sondern für den Frieden konzipiert war. Wo zuvor jeder Fürst seine eigene Münze prägte und seine eigenen Gesetze hatte, entstand ein einheitliches System, das das gesamte Land umspannte. Die einst anarchische Welt der Samurai, die sich über den Tod ihrer Rivalen freute, wurde zu einer Welt der Bürokraten, die sich über korrekt ausgefüllte Formulare freuten. Die Transformation war so gründlich, dass die meisten Japaner später dachten, Edo sei immer die Hauptstadt gewesen – eine historische Amnesie, die den Erfolg von Ieyasus stiller Revolution nur unterstreicht.

Am Ende, als er die schlichten Hallen seiner neuen Burg inspizierte, war Ieyasu nicht der mächtigste Mann Japans, nicht einmal der reichste. Er war ein Herrscher, der sich in ein provisorisches Quartier zurückzog, umgeben von dem Geruch eines Ortes, der noch nicht existierte. Doch aus diesem Nichts würde er ein System schmieden, das die japanische Gesellschaft bis ins 19. Jahrhundert prägen sollte, eine Ordnung, die die Samurai von Kriegern zu Schreibern machte und aus einem Sumpf eine Weltstadt entstehen ließ. Ein Mann, der sich mit weniger zufriedengab, um am Ende alles zu gewinnen.

Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Tokugawa Ieyasu

Krieg & Konflikt

Schlacht am Poyang-See beginnt: Grundstein der Ming-Dynastie

Lake Poyang, China

Schlacht am Poyang-See beginnt: Grundstein der Ming-Dynastie — Lake Poyang, China
Bild: Freetrashbox at Japanese Wikipedia · CC BY-SA 3.0

Die Sonne brennt an diesem dreißigsten Augusttag des Jahres 1363 unerbittlich auf den Poyang-See, Chinas größten Süßwassersee. Doch die Hitze ist nichts gegen die Spannung, die über dem Wasser liegt, gesättigt vom Geruch nach Teer, Holz und dem unausgesprochenen Schicksal einer ganzen Dynastie. Auf dem See schwimmen nicht nur Schiffe, sondern ganze schwimmende Städte, die sich langsam aufeinander zubewegen. Auf der einen Seite: Chen Youliang, selbsternannter Kaiser von Han, dessen Flotte eine beispiellose Machtdemonstration darstellt. Über 600.000 Mann, so wird gemunkelt, an Bord von hunderten von Schiffen, darunter riesige „Turmschiffe“, bis zu neun Stockwerke hoch, die eher schwimmenden Festungen gleichen als Kriegsschiffen. Sie sind so groß, dass sie sich nur schwer manövrieren lassen und ihre Besatzungen sie oft aneinanderketten, um eine undurchdringliche Wand zu bilden.

Auf der anderen Seite steht Zhu Yuanzhang, ein ehemaliger Bettelmönch, der zum Rebellenführer aufgestiegen ist. Seine Flotte ist deutlich kleiner – etwa 200.000 Mann – und seine Schiffe sind wendiger, aber im direkten Vergleich wirken sie wie Nussschalen gegen Chens Kolosse. Doch Zhu hat einen Plan, der nicht auf schiere Größe, sondern auf List setzt. Er wartet auf den richtigen Moment, und dieser Moment beginnt sich jetzt zu entfalten.

Es ist der erste Tag der Schlacht, und die Giganten Chens rücken vor, ihre riesigen Schatten fallen über das Wasser. Zhu Yuanzhangs Generäle befehlen ihren kleineren, wendigeren Schiffen, sich zurückzuziehen, scheinbar in Panik. Chen Youliang, berauscht von der scheinbaren Überlegenheit seiner „Eisernen Schiffe“, wähnt den Sieg bereits in Reichweite. Er sieht seine Chance, Zhu ein für alle Mal zu vernichten und den Weg zur Kaiserwürde freizumachen. Doch Zhu hat etwas vorbereitet, das in den Annalen als eine der kühnsten Taktiken in die Geschichte eingehen wird.

Plötzlich ändert sich die Windrichtung. Ein Geschenk der Götter, oder das Ergebnis sorgfältiger Beobachtung durch Zhus Strategen? Der Wind dreht auf Nordost und bläst direkt in Richtung von Chens gigantischer, dicht gedrängter Flotte. In diesem Augenblick stoßen Zhus Schiffe nicht zum Kampf vor, sondern eine Spezialeinheit. Sie schiebt Dutzende von kleinen, mit Schießpulver, getrocknetem Gras und Pech beladenen Booten – Branderschiffe – in Richtung der unbeweglichen Riesen Chens. Pfeile mit brennenden Fackeln zischen durch die Luft und entzünden die Ladung.

Ein ohrenbetäubender Knall. Die ersten Branderschiffe explodieren beim Aufprall auf Chens angekettete Kolosse. Flammen schießen empor, greifen auf die hölzernen Rümpfe über. Das Teer und Pech, das Chens Schiffe wasserdicht machen sollte, wird nun zu ihrem Verhängnis, nährt das Inferno. Die Besatzungen auf Chens Schiffen geraten in Panik. Sie versuchen, die Anker zu lichten, die Ketten zu sprengen, doch die riesigen Schiffe sind zu träge, zu eng beieinander. Das Feuer breitet sich rasend schnell aus, verzehrt Masten, Segel und schließlich die Decks. Der See, der eben noch ein Schlachtfeld war, verwandelt sich in ein Flammenmeer. Tausende Männer springen ins Wasser, viele von ihnen ertrinken in der panischen Flucht vor den Flammen oder werden von den immer noch brennenden Wracks erfasst.

Dieser erste Tag der Schlacht ist ein Triumph der List über die reine Kraft. Die fünf Wochen andauernde Schlacht wird Zhu Yuanzhang, dem späteren Gründer der Ming-Dynastie, letztendlich den Sieg sichern und den Weg für eine neue Ära in der chinesischen Geschichte ebnen. Chen Youliang selbst wird später im Verlauf der Schlacht von einem Pfeil tödlich getroffen. Sein gigantisches Reich, das nur wenige Jahre zuvor so unaufhaltsam schien, zerbricht unter den Flammen auf dem Poyang-See. Ein Bettelmönch hatte sich gegen den Kaiser der Han gestellt und gewonnen – nicht durch größere Schiffe, sondern durch einen cleveren Blick auf den Wind.

Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Battle of Lake Poyang

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