Sir Thomas More für seinen Gewissenstand hingerichtet
London, England
An diesem Julimorgen des Jahres 1535 hatte sich auf Tower Hill in London eine Menschenmenge versammelt, um zuzusehen, wie ein alter Mann starb — und das aus einem Grund, der für moderne Ohren geradezu bizarr wirkt. Thomas More, einst der mächtigste juristische Kopf Englands und Lord Chancellor unter Henry VIII., sollte hingerichtet werden, weil er sich weigerte, ein einfaches Wort auszusprechen: dass der König das Haupt der Kirche von England sei.
Es war kalt an diesem Morgen, die Art von englischem Grau, das alle Farben aus der Welt zu saugen scheint. Tower Hill war kein großes Spektakel — nur ein erhöhter Platz, ein Richtblock aus Holz, eine Menschenmenge, die wartete. More war 57 Jahre alt, sein Haar ergraut, sein Körper durch 14 Monate Gefangenschaft in der Tower of London gezeichnet. Dass er überhaupt noch gehen konnte, war bemerkenswert. Die Gefängniswärter hatten ihn schlecht behandelt, nicht aus Bosheit, sondern aus Gleichgültigkeit — es war ein König, der sein Vermögen beschlagnahmt hatte, der seine Familie ins Elend gestürzt hatte, nicht der Tower himself.
Die ganze Affäre war das Werk von vier Jahren Sturheit. Henry VIII. wollte seine Ehe mit Catherine of Aragon annullieren, um Anne Boleyn heiraten zu können. Der Papst sagte nein. Also erklärte Henry sich selbst zum Haupt der englischen Kirche und verlangte, dass jeder Untertan diesen neuen religiösen Zustand durch einen Eid bestätigen sollte. Für einen Humanisten wie More war das nicht nur Politik — es war eine Frage, die sein ganzes Leben bedeutete. Die Autorität der Kirche, die Integrität des Gewissens, die Grenze zwischen weltlicher und göttlicher Macht. Er hatte die Sache gründlich durchdacht. Der König verlangte Unterwerfung; More verlangte nach Logik.
Was wenige wussten: More hätte sein Leben retten können. Man brauchte von ihm nicht mehr als das Schweigen. Ein paar Worte an den König, ein Kompromiss, und die Hinrichtung wäre aufgeschoben worden. Aber More war kein Mann für Kompromisse dieser Art. Sein ganzes Leben lang hatte er Bücher über die perfekte Republik geschrieben, ein Werk namens Utopia, in dem die Gesellschaft nach Vernunft geordnet ist. Jetzt, am Ende, konnte er sein eigenes Denken nicht verraten.
Auf dem Richtblock sagte er noch einen letzten Satz zu dem Henker — eine merkwürdige Bemerkung, die zeigt, dass sein Humor ihn bis zum Ende nicht verlassen hatte. "Ich bitte dir nur eins: hilf mir hinauf. Beim Heruntersteigen werde ich mir selbst helfen." Der Henker half ihm. Die Klinge fiel. Und damit war der sichtbare Widerstand gegen Henry VIII. gebrochen.
Hier das Ironie, die sich erst später offenbarte: Der Mann, den der König hingerichtet hatte, weil er die Autorität Roms verteidigte, wurde 400 Jahre später von derselben Kirche als Heiliger verehrt. Henry VIII. bekam seinen Willen, seine neue Kirche — und wurde in der Geschichte als der Mann in Erinnerung behalten, der mit Köpfen abrechnet. Thomas More wurde Sant Thomas More genannt. Der König war nur noch ein Fußnote unter seinem Namen.