Srebrenica fällt; 8.000 Tote
Srebrenica, Bosnia and Herzegovina
Die holländischen Soldaten hatten 400 Gewehre und zwei Panzer. Siebeneinhalb tausend Tote sollten es werden. Eine Mathematik, die niemand bewusst aufgelöst hat, sondern die einfach geschah, weil ein Dorf unter UN-Flagge tatsächlich nur unter einer Flagge stand.
Im Juli 1995 drängten sich in Srebrenica etwa 40.000 Menschen zusammen – Flüchtlinge, die seit zwei Jahren dort festsaßen, und muslimische Soldaten ohne Uniform, die von diesem Fleck Erde aus Anschläge auf serbische Dörfer verübt hatten. Die internationale Gemeinschaft hatte den Ort 1993 zur "Schutzzone" erklärt, was bedeutete: Hier darf nicht gekämpft werden. Was es nicht bedeutete: Hier wird jemand kämpfen, um das durchzusetzen.
Ratko Mladić war kein überraschender Name. Der Befehlshaber der Bosniak-Serben war schon lange kein Geheimnis mehr. Am 11. Juli 1995 kam er mit seinen Truppen und nahm die Stadt. Es war weniger eine Schlacht als eine Absperrung. Die Falle schloss sich nicht dramatisch, sondern verwaltungstechnisch: Die Bevölkerung sollte evakuiert werden. Busse wurden bereitgestellt. Kolumnen bildeten sich auf den Straßen. Und dann, in den Stunden danach, geschah das, das keiner wirklich aus den Planungsprotokollen erkennen konnte.
Die Männer wurden aus den Bussen geholt. Alle. Zivilisten neben Soldaten, ein 17-jähriger neben einem 67-jährigen. Die Unterscheidung war längst Verzicht. Sie wurden abgeführt – in Schulen, Lagerhäuser, später in Wälder. Was folgte, war systematisch, aber nicht theatralisch. Kein Blut auf den Straßen, wo es Augenzeugen geben könnte. Stattdessen Tage, an denen mehrere tausend Menschen in bestimmten Abstand hinter die Linien gebracht und dort nicht wiedergesehen wurden.
Ein Detail, das sich kaum jemand merkt: Die Leichenbergung brauchte Jahre. Massengräber wurden gegraben, später exhumiert, die Knochen katalogisiert, DNA verglichen. Ein Nebeneffekt der modernen Forensik war, dass die Opfer am Ende Namen bekamen, Aktenzeichen, Geburtsdaten. Erst als sie fotografiert und durchnummeriert waren, wurden sie für die internationale Justiz real. Die Zahl war immer da – siebeneinhalb tausend – aber sie bedeutete wenig. Die Namen brauchten länger.
Mladić sagte später, die "muslimische Bedrohung" sei nun gebannt. Das Denkmal, das später in Srebrenica errichtet wurde, steht heute auf einem Platz, der in jenen Juli-Tagen ein Sammelplatz war – wo die Trennung von Männern und Frauen organisiert wurde, wo die Listen gemacht wurden, wo alles buchstäblich aufgezeichnet war. Nicht aus bewusstem Zynismus, sondern aus einer einfachen Logik: Es war der einzige leere Platz groß genug, um etwas zu errinnern.
Die internationale Gemeinschaft verhandelt noch immer darüber, wie man das benennt. Völkermord oder nicht. Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder Kriegsverbrechen. Die Worte ändern sich. Die Zahl nicht.