Vasco da Gama erreicht Indien
Calicut, India
Ein portugiesischer Kapitän steht an Deck eines zerfallenden Schiffes und sieht Land, das sein Leben hätte zerstören sollen. Das ist der Moment, in dem die Welt sich spaltet.
Es ist der 31. Juli 1498. Vasco da Gama wirft den Anker vor Calicut aus. Sein Schiff, die São Gabriel, hat 300 Tonnen Wasser geschluckt. Die Mannschaft — von ursprünglich 170 Mann sind etwa 60 gestorben — steht auf dem Deck und starrt auf die indische Küste. Nicht mit Ehrfurcht. Mit Erleichterung. Sie haben es geschafft. Das, was niemand für möglich hielt, haben sie getan: Sie sind vom Atlantik zum Indischen Ozean gesegelt, ohne umzukehren, ohne sich zu verirren, und sie haben eine Route gefunden, die die gesamte europäische Wirtschaft neu schreiben würde.
Da Gama war kein Held aus den Legenden. Er war ein Offizier mittleren Alters, den der portugiesische König Manuel I. ausgewählt hatte, weil er methodisch war, nicht weil er kühn war. Sein Vater, Estêvão da Gama, war ein angesehener Navigator — die Familie kannte Schiffe wie andere Familien Häuser kennen. Als Vasco die Route um das Kap der Guten Hoffnung segelte, vertraute er nicht auf Glück. Er vertraute auf Astronomie, auf arabische Karten, die Portugal hatte erwerben können, und auf die Tatsache, dass die portugiesische Krone seit Jahrzehnten in Kartografie und Seefahrt investiert hatte.
Das Erstaunliche ist nicht, dass er ankam. Das Erstaunliche ist, wie schnell die Welt das vergaß. Da Gama brauchte von Lissabon bis Calicut 300 Tage. Das war nicht schnell. Aber es war möglich. Die Gewürze, die Seide, die Stoffe — alles, das Europa von Venedig und Genua kaufte, weil diese Städte die Kontrolle über die Handelsrouten nach Asien hielten — das konnte jetzt direkt kommen. Die Preise würden fallen. Die Vermögen venezianischer Händler würden verdampfen. Das Mittelmeer, für tausend Jahre das Zentrum der Welt, würde zur Provinz.
Da Gama selbst verstand das noch nicht ganz. Er war ein Seemann, kein Ökonom. Als er in Calicut landete, versuchte er zu handeln. Er bot Hüte, Mützen, Perlen und billige Stoffe an. Der lokale Herrscher, der Zamorin, schaute sich die Waren an und fragte ungefähr: Wo sind die Gewürze? Wo ist das Gold? Was soll ich mit diesem Müll? Da Gama musste verstehen, dass er nicht der erste Europäer war, der Handel wollte. Er war nur der erste, der eine Route hatte.
Als er 1499 nach Lissabon zurückkehrte, hatte er nur ein Drittel seiner Besatzung mitgenommen. Aber seine Schiffe waren gefüllt mit Pfeffer. Ein Kilogramm Pfeffer kostete in Lissabon das Dreifache von dem, was er in Calicut bezahlt hatte. Der König war zufrieden. Die Händler Venedigs waren es nicht.
Da Gama war nicht derjenige, der die Welt veränderte. Aber er war derjenige, der zeigte, dass es möglich war. Und manchmal ist das genug.