Westgoten plündern Rom zum ersten Mal seit 800 Jahren
Rome, Italy
Als in den frühen Morgenstunden des 24. August 410 die Salarische Pforte Roms nicht aufgebrochen, sondern von innen geöffnet wurde, war das kein Akt des Heldentums seitens der Westgoten. Es war der traurige Höhepunkt einer langen, zähen Verhandlung, die eine Seite wiederholt scheitern ließ: die Römer selbst. Rom wurde nicht von einem blutrünstigen Barbaren überrannt, der nichts als Zerstörung im Sinn hatte. Es fiel einer Mischung aus politischer Kurzsichtigkeit, Paranoia und einer gehörigen Portion römischen Hochmuts zum Opfer.
Der Mann, der vor den Toren stand, Alarich I., war kein einfacher Stammesführer. Er war ein Westgote, ja, aber auch ein römischer Feldherr, der sich jahrelang im Dienste des Imperiums aufgerieben hatte. Er wollte kein Reich erobern; er wollte einen sicheren Platz für sein Volk innerhalb der römischen Grenzen, Land, Getreide und einen offiziellen Titel, der seine Autorität legitimierte. Immer wieder hatte er versucht, zu verhandeln, immer wieder hatte er Belagerungen inszeniert, um die kaiserlichen Ohren in Ravenna zu erreichen. Und immer wieder hatte Kaiser Honorius, ein Mann, dessen Leidenschaft angeblich seinen Hühnern galt – eines davon nannte er „Rom“ und war erleichtert, als er erfuhr, nicht die Stadt, sondern sein Huhn sei tot –, die Angebote ignoriert oder durchkreuzt.
Die Tragödie begann nicht erst im Jahr 410, sondern Jahre zuvor, mit der Ermordung des fähigsten Mannes, den Rom noch hatte: Stilicho. Dieser brillanter General war selbst ein Vandale, aber er hatte das Weströmische Reich über ein Jahrzehnt lang zusammengehalten. Er war der einzige, der die römische Armee noch effektiv führen konnte, der die Westgoten verstand und der Alarichs Forderungen ernst nahm. Doch unter dem Einfluss neidischer Höflinge und dem misstrauischen Honorius wurde Stilicho 408 hingerichtet. Eine Entscheidung, die aus heutiger Sicht so klug war wie das Entfernen des eigenen Herzens, um Gewicht zu sparen. Rom war nun nicht nur militärisch führungslos, sondern auch jeglicher diplomatischer Finesse beraubt.
Alarich belagerte Rom zweimal vor der eigentlichen Plünderung. Beim ersten Mal erpresste er ein astronomisches Lösegeld: 5.000 Pfund Gold, 30.000 Pfund Silber, 4.000 Seidentuniken, 3.000 Pfund gefärbten Pfeffer und 3.000 Pfund Pelzwerk. Man könnte sagen, er war ein sehr teurer, aber geduldiger Verhandlungsführer. Die Stadt war so ausgehungert, dass sie sogar Gladiatorenfleisch aß, aber Honorius in Ravenna blieb ungerührt. Er weigerte sich standhaft, Alarich Land zuzugestehen und ihn als römischen Befehlshaber anzuerkennen. Was Alarich wollte, war nicht der Untergang Roms, sondern ein Vertrag, der ihm und seinem Volk ein würdiges Dasein ermöglichte – als Teil des Reiches, nicht als dessen Zerstörer.
Als Rom dann fiel, war es keine Vernichtung wie die eines Pompeji. Die Plünderung dauerte nur drei Tage. Die Westgoten waren Arianer, eine christliche Strömung, und Alarich befahl, Kirchen und Heiligtümer zu respektieren. Viele Römer, die sich in Basiliken wie St. Peter geflüchtet hatten, blieben unversehrt. Der Schaden war immens, aber die Stadt wurde nicht in Schutt und Asche gelegt. Es war eine Demütigung, ein Schock, der durch die gesamte bekannte Welt hallte, doch Rom erholte sich, wenn auch nie wieder zu alter Größe.
Die eigentliche Ironie? Alarich zog nach Süden, starb nur wenige Monate später und wurde angeblich in einem Flussbett begraben, dessen Lauf man für die Beisetzung umleitete. Sein Traum von einem dauerhaften Frieden für sein Volk innerhalb des Imperiums blieb unerfüllt. Der Fall Roms im Jahr 410 war somit weniger ein triumphaler Sieg der Barbaren als vielmehr ein selbstverschuldetes Desaster, das den Preis für eine fatale Mischung aus Arroganz und Inkompetenz aufzeigte. Die Stadt, die sich 800 Jahre lang als unbesiegbar wähnte, fiel nicht, weil sie militärisch unterlegen war, sondern weil ihre Führung die Hilferufe eines potenziellen Verbündeten ignorierte.