Odoaker zum König Italiens ausgerufen, Ende des Weströmischen Reiches
Italy
Der Name des letzten weströmischen Kaisers, Romulus Augustulus, klingt wie ein schlechter Scherz der Geschichte. „Romulus“, der Gründer Roms, und „Augustulus“, der „kleine Augustus“. Ein Kind von kaum fünfzehn Jahren, ein Schatten auf dem Thron, ein lebendes Denkmal für die unaufhaltsame Dekadenz. Am 23. August 476 war er noch der Kaiser. Der Mantel des Imperiums, wenn auch ausgefranst und löchrig, lag noch über Italien. Es gab noch einen Hof in Ravenna, noch eine Bürokratie, noch das Flüstern einer tausendjährigen Tradition. Die Welt war in ihren Fugen, wenn auch nur durch Gewohnheit und die Illusion von Dauerhaftigkeit zusammengehalten.
Doch die wahre Macht lag längst nicht mehr in den Händen dieses Kindkaisers oder seines ehrgeizigen Vaters Orestes, sondern bei den „Föderaten“ – den germanischen Söldnern, die den Großteil der römischen Armee bildeten. Sie waren es, die die Grenzen hielten, wenn sie Lust dazu hatten, und die in den Provinzen für Ordnung sorgten, wenn es in ihrem Interesse war. Und sie waren es, die die Rechnung präsentierten. Ihre Forderung: ein Drittel des Bodens Italiens zur Besiedlung. Orestes, der Vater des Kaisers, lehnte ab. Eine mutige, vielleicht törichte Entscheidung.
Was dann geschah, war weniger ein donnernder Sturz als ein Schulterzucken. Ein germanischer Heerführer namens Odoaker, ein Skire, der sich durch die Reihen emporgedient hatte, ergriff die Initiative. Er versprach den unzufriedenen Truppen, was Orestes verweigerte. Die Reaktion war schnell und unerbittlich. Orestes wurde gefangen genommen und hingerichtet. Und dann kam der Moment, der in den Geschichtsbüchern als das Ende eines Imperiums steht.
Am 4. September 476 marschierte Odoaker in Ravenna ein. Er enthob Romulus Augustulus seines Amtes. Kein Blutbad, keine Zerstörung. Der Junge wurde nicht ermordet, sondern auf ein Anwesen in Kampanien verbannt, mit einer jährlichen Pension von 6.000 Solidus – ein beträchtlicher Betrag, der einem römischen Senator entsprach. Die kaiserlichen Insignien – das Diadem, der Purpurmantel – wurden nicht an sich gerissen, sondern nach Konstantinopel geschickt, an den oströmischen Kaiser Zeno. Odoaker beanspruchte nicht den Titel des Kaisers. Stattdessen ließ er sich von seinen Truppen zum „Rex Italiae“ ausrufen, zum König von Italien. Ein pragmatischer Schritt, der die Realitäten der Macht anerkannte, ohne die fiktive Einheit des Reiches formal zu zerreißen.
Der Unterschied zwischen dem 23. August und dem 4. September war subtil und doch monumental. Am einen Tag gab es einen römischen Kaiser, einen schwachen zwar, aber immerhin. Am anderen Tag war er weg, ersetzt durch einen germanischen Krieger, der sich König nannte. Für die Bewohner Roms und Italiens änderte sich vielleicht nicht viel im Alltag. Die Steuern wurden weiterhin erhoben, die Felder bestellt, die Geschäfte gemacht. Doch die Illusion der römischen Herrschaft, die seit der Gründung der Stadt über tausend Jahre bestanden hatte, war zerbrochen. Ein Barbarenkönig regierte nun, und niemand schien wirklich überrascht oder empört zu sein. Die Welt hatte sich nicht in einem Donnerschlag verändert, sondern in einem müden Seufzer, einem Eingeständnis, dass das Alte einfach nicht mehr funktionierte.
Quelle: en.wikipedia.org/wiki/Odoacer