Louise Brown: Erstes Kind durch künstliche Befruchtung geboren
Oldham, United Kingdom
Ein Arzt namens Patrick Steptoe hatte ein Problem, das ihn seit Jahren verfolgte: Frauen mit verschlossenen Eileitern konnten nicht schwanger werden, egal wie sehr sie sich ein Kind wünschten. 1978 war er 61 Jahre alt, fast am Ende seiner Karriere, und beschloss, etwas zu versuchen, das die meisten seiner Kollegen für unmöglich hielten.
Die Idee war radikal in ihrer Einfachheit: Wenn die Eileiter nicht funktionieren, nimm die Eizelle einfach selbst heraus. Befruchte sie im Reagenzglas. Warte, bis sie sich teilt. Setz sie zurück. Fertig.
Fertig? Natürlich nicht fertig. Das war wie zu sagen, man könne einen Hubschrauber bauen, indem man einen Vogel analysiert.
Steptoe arbeitete mit Robert Edwards zusammen, einem Embryologen, der bereits seit zehn Jahren an diesem Problem knobelte. Edwards war 1924 geboren, sein Leben war eine lange Reihe von Experimenten mit Kaninchenembryonen und menschlichen Eizellen, die unter dem Mikroskop platzen, sich nicht teilen, oder einfach sterben. Die beiden Männer schrieben sich Briefe, trafen sich, experimentieren, scheiterten. Und scheiterten wieder.
Die größte Hürde war nicht die Befruchtung selbst – das funktionierte im Labor schon lange. Das Problem war der Timing. Frauen produzieren ihre Eizelle nur einmal pro Monat, und sie muss im perfekten Moment geerntet werden, sonst ist sie zu reif oder zu unreif. Steptoe entwickelte eine Methode, eine Nadel durch die Bauchwand zu führen, die Eizelle direkt aus dem Eierstock zu saugen. Laparoskopie nannte man das. Ein anderer Arzt hätte es Wahnsinn genannt.
Dann kam Lesley Brown, 31 Jahre alt, verheiratet mit John Brown, ein Arbeiter in einer Zuckerfabrik. Lesley war unfruchtbar. Sie hatte ihre Eileiter verloren. Sie war die 102. Patientin, die Steptoe und Edwards versuchten zu helfen. Die beiden vorigen 101 waren gescheitert.
Am 10. November 1977 entnahm Steptoe Lesleys Eizelle. Edwards befruchtete sie mit Johns Spermien. Die Eizelle teilte sich. Sie wuchs. Nach drei Tage – das war das Fenster, das war der Moment – setzten sie den winzigen Embryo zurück in Lesleys Gebärmutter.
Und dann warteten sie. Lesley wartete. John wartete. Die Welt wartte, ohne es zu wissen.
Am 25. Juli 1978 wurde Louise Joy Brown geboren. 2,6 Kilogramm. Völlig normal. Die erste Menschin, die je aus einem Reagenzglas kam.
Die Reaktion war Panik. Die Kirche sprach von Blasphemie. Konservative Politiker warnen vor einer Zukunft, in der Wissenschaftler Menschen nach Katalog zusammenbasteln. Wissenschaftler selbst waren gespalten. Edwards bekam später einen Nobelpreis. Steptoe nicht – er starb 1988, bevor die Auszeichnung kam.
Aber das Seltsame, das wirklich Seltsame: Louise Brown war nicht die Sensation, die sie hätte sein sollen. Sie war ein Mädchen wie jedes andere. Sie aß, weinte, schlief. Sie hatte zwei Arme. Sie war nicht grün oder radioaktiv oder eine Kopie. Die ganze Angst löste sich in nichts auf, weil die Realität so unspektakulär war wie möglich.
Heute gibt es über 10 Millionen Menschen auf der Erde, die wie Louise geboren wurden. Manche nennen sie das größte medizinische Wunder des 20. Jahrhunderts. Andere haben schlicht vergessen, dass es je unmöglich war.