Magellans Flotte bricht zur ersten Weltumsegelung auf
Seville, Spain
Es roch nach Teer und Salz, nach gesalzenem Fleisch und der nervösen Aufregung von fast dreihundert Männern. Am 10. August 1519 pulsierte der Hafen von Sevilla, ein brodelnder Kessel aus Menschen, Lasttieren und dem unaufhörlichen Klappern der Werkzeuge, die die letzten Vorbereitungen an fünf Schiffen trafen. Die Sonne brannte unbarmherzig auf den Guadalquivir, dessen Wasser träge dahinfloss, und spiegelte sich in den Segeln, die noch fest vertäut waren, aber bereits die Ahnung einer gigantischen Reise in sich trugen. Niemand, der an diesem schwülen Tag am Kai stand, hätte ahnen können, dass diese gewöhnliche Abfahrt – eine von vielen, die den Wohlstand Sevillas begründeten – ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit aufschlagen würde. Es war einfach nur ein weiterer, heißer Sommertag.
Seit Monaten schon hatten die fünf Karavellen und Naos – die „Armada de Molucca“ – ihre Mägen mit Proviant füllen lassen: Tausende Pfund Zwieback, Wein in rauen Mengen, Öl, Essig, und alles, was man für eine ungewisse, monatelange Überfahrt brauchte. Darunter befanden sich auch 6.000 getrocknete Fische und 2.000 Pökelfische, eine kulinarische Aussicht, die selbst den hartgesottensten Seemann zur Verzweiflung hätte treiben können. An Bord der „Trinidad“, „San Antonio“, „Concepción“, „Victoria“ und „Santiago“ befanden sich insgesamt etwa 270 Männer, eine bunte Mischung aus Abenteurern, Glücksrittern, erfahrenen Seefahrern und solchen, die einfach nur den Glanz der Ferne suchten.
Angeführt wurde diese wacklige Flotte von einem Portugiesen namens Fernão de Magalhães, oder, wie er in spanischen Diensten hieß, Ferdinand Magellan. Ein Mann von unbeugsamer Überzeugung, der sich von seinem Heimatland verraten fühlte und nun ausgerechnet dem größten Rivalen Portugals, Spanien, seine Dienste anbot. Seine Mission, vom jungen König Karl I. mit einer Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung bewilligt: einen westlichen Seeweg zu den legendären Gewürzinseln, den Molukken, zu finden. Die Portugiesen kontrollierten die östlichen Routen um Afrika herum, und Spanien wollte einen eigenen, direkten Zugang zu den unermesslichen Reichtümern von Muskat, Nelken und Zimt. Magellan war überzeugt, dass ein solcher Seeweg existierte, auch wenn alle Karten und das damalige Wissen – oder Nicht-Wissen – über die wahre Größe des Pazifiks eher auf die Existenz eines riesigen, unüberwindbaren Hindernisses hindeuteten.
Was niemand wusste, am wenigsten Magellan selbst, war, dass diese Reise keine einfache Umfahrung eines Kontinents sein würde. Es war der Beginn einer Odyssee, die sich über drei Jahre erstrecken sollte. Von den fünf Schiffen, die an jenem Augusttag in See stachen, würde nur eines, die „Victoria“, zurückkehren. Von den ursprünglich 270 Männern würden nur 18 den Heimathafen erreichen, abgemagert, krank und vom Grauen der Reise gezeichnet. Und Magellan? Er selbst würde die Vollendung seines epochalen Werks nicht erleben, da er auf den Philippinen in einem Stammeskonflikt ums Leben kam. Die Ironie, einen Seeweg zu finden, der wirtschaftlich so uninteressant war, dass er die nächsten 250 Jahre kaum genutzt wurde, war dabei nur eine weitere Fußnote in diesem epischen Missverständnis von Absicht und Realität. Die Gewürze waren teuer, aber der Preis, sie zu holen, war unbezahlbar.
Als die Flotte den Anker lichtete und langsam den Fluss hinabglitt, Richtung offenes Meer, war es ein majestätischer Anblick. Ein Mann an Land rief vielleicht noch einen letzten Gruß, eine Frau winkte mit einem Tuch. Der Wind füllte die Segel, die Schiffe wurden kleiner am Horizont. Was folgte, war nicht die Entdeckung einer Route, sondern die schmerzhafte Erkenntnis der wahren Dimensionen des Planeten – und des menschlichen Überlebenswillens. Und das alles begann an einem ganz normalen, heißen Tag in Sevilla, als ein paar Schiffe einfach nur ablegten, um ein paar teure Gewürze zu holen.