Große Hungersnot ergreift Europa
Es ist der 11. August 1315, ein Tag, an dem selbst Könige mit den ungemütlichen Realitäten der Existenz konfrontiert werden. König Edward II. von England, ein Mann, der es gewohnt ist, dass die Welt sich nach seinem Hunger richtet, sitzt irgendwo in Yorkshire oder Nordengland, möglicherweise auf dem Weg zu einem weiteren dieser ewigen Feldzüge gegen die Schotten. Doch heute ist anders. Heute kann der Herrscher über ein ganzes Reich, dessen Ländereien theoretisch über reichlich Korn verfügen sollten, keinen einzigen Laib Brot für sich und sein Gefolge auftreiben. Nicht für Geld, nicht für gute Worte, nicht für Drohungen. Eine absurde Szene: Der mächtigste Mann des Landes, hungrig. Man kann sich die leicht panischen, aber stets höflichen Blicke seiner Diener vorstellen, die ihn darüber informieren, dass die Bäcker nichts mehr haben, die Märkte leer sind. Das Getreide ist weg, bevor es überhaupt reif war, verrottet auf den Feldern oder in den Speichern. Dies ist kein lokales Missgeschick; dies ist der Beginn einer Katastrophe, die Europa in ihren Grundfesten erschüttern wird. Ein König, der hungert, ist nicht nur eine persönliche Unannehmlichkeit; es ist ein Omen.
Die Jahre vor 1315 waren nass. Sehr nass. Ein Klimawandel, der heute als „Kleine Eiszeit“ bekannt ist, hatte Europa fest im Griff. Von 1310 an gab es kaum einen Sommer, der den Namen verdiente. Die Saat verfaulte im Boden, die Ernten wurden weggespült. Die Vorräte aus den mageren Vorjahren waren längst aufgebraucht. Die Preise für Getreide, Brot und Bier schossen in astronomische Höhen. Ein Scheffel Weizen, der 1314 noch 5 Schilling kostete, erreichte im Sommer 1315 in einigen Regionen bis zu 40 Schilling. Das ist das Achtfache – eine Preisexplosion, die selbst moderne Hyperinflationen blass aussehen lässt. Für den Großteil der Bevölkerung, der bereits am Existenzminimum lebte, bedeutete dies den sicheren Tod.
Die Auswirkungen waren verheerend. Schätzungen zufolge starb zwischen 10 und 25 Prozent der europäischen Bevölkerung in den Jahren 1315 bis 1317 – das sind Millionen von Menschen. Ganze Dörfer wurden ausgelöscht. Die Menschen griffen zu allem, was essbar war: Hunde, Katzen, Gras, die Kadaver von Tieren. Berichte sprechen sogar von Kannibalismus, auch wenn diese oft mit Vorsicht zu genießen sind. Die Ironie ist, dass in dieser Zeit der Not die Reichen nicht unbedingt besser dran waren. Sie hatten zwar das Geld, um zu kaufen, aber es gab schlicht nichts zu kaufen, wie Edward II. am eigenen Leib erfahren musste. Der Markt, die unsichtbare Hand, konnte nichts regeln, wenn die Hände der Bauern leer waren.
Die Kirche versuchte, die Katastrophe als göttliche Strafe zu deuten. Religiöse Prozessionen und Gebete sollten den Himmel besänftigen. Die weltlichen Herrscher versuchten verzweifelt, Exportverbote für Getreide zu verhängen oder Höchstpreise festzulegen, was die Lage oft nur verschlimmerte, da es die Anreize für Handel und Produktion weiter untergrub. König Edward II. selbst erließ im Frühjahr 1315 ein Edikt, das die Preise für Lebensmittel deckeln sollte – eine Maßnahme, die so effektiv war, dass er wenige Monate später immer noch hungrig dastand.
Was folgte, war nicht nur Hunger, sondern auch eine Schwächung der Bevölkerung, die sie anfälliger für Krankheiten machte. Als 30 Jahre später die Schwarze Pest Europa heimsuchte, fand sie einen Kontinent vor, dessen Abwehrkräfte bereits durch die Große Hungersnot massiv geschwächt waren. Die Erfahrung des Hungers prägte das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation. Ein König, der Brot nicht kaufen konnte, war nur ein Vorgeschmack darauf, wie brüchig die Zivilisation sein konnte, wenn das Wetter beschloss, seinen eigenen Kopf durchzusetzen.
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