Kolumbus erreicht die Kanarischen Inseln auf erster Reise
Canary Islands, Spain
Man hätte fast Mitleid haben können mit der Pinta. Ein Schiff, das nicht wollte. Nach nur drei Tagen auf See, kaum dass die drei Karavellen die Küste Andalusiens hinter sich gelassen hatten, brach ihr Ruder. Mitten auf dem Atlantik, wenn auch nur ein kleines Stück. Ein Zufall? Kaum. Die Eigner des Schiffes, Cristóbal Quintero und Gómez Rascon, waren alles andere als begeistert von dieser vermeintlichen Himmelfahrtsmission. Die Reparatur war notdürftig, die Angst der Mannschaft greifbar. Und so kam es, dass am 12. August 1492, anstatt direkt in die Weiten des Unbekannten zu segeln, Christoph Kolumbus und seine etwa neunzig Mann starke Besatzung die Kanarischen Inseln ansteuerten, um die hartnäckig kaputte Pinta zu richten.
Es war ein Zwischenstopp voller kleiner Nöte und großer Erwartungen. Kolumbus, damals 41 Jahre alt und von einer fast fieberhaften Vision getrieben, die ihn schon jahrelang nicht mehr losließ, war kein Mann für Verzögerungen. Seine Mannschaft bestand aus einer bunten Mischung: erfahrene Seeleute wie die Brüder Pinzón, die die Karavellen Santa María, Pinta und Niña kommandierten, aber auch junge Abenteurer, ehemalige Sträflinge und Männer, die einfach nur den Versprechungen von Reichtum und Ruhm folgten. Sie fürchteten die unendliche See, die Stürme, die Seekrankheit, das Unbekannte. Die Vorstellung, von der Scheibe der Erde zu fallen, war in den Köpfen einiger so real wie die plätschernden Wellen unter dem Kiel.
Die Kanaren waren zu diesem Zeitpunkt schon seit fast einem Jahrhundert unter kastilischer Herrschaft, aber die ursprüngliche Bevölkerung, die Guanchen, leistete noch immer Widerstand, besonders auf der Insel La Gomera, wo Kolumbus schließlich ankerte. Hier, in der Bucht von San Sebastián, wurden nicht nur die Reparaturen an der Pinta in Angriff genommen – man ersetzte das bockige Ruder komplett und stattete die Niña mit lateinischen Segeln aus, die sich besser für Atlantikreisen eigneten –, sondern auch frische Vorräte an Wasser, Holz und Fleisch geladen. Ein pragmatischer Boxenstopp vor dem Sprung ins Ungewisse, in einer bereits bekannten, wenn auch nicht immer friedlichen Welt.
Die Tage auf La Gomera vergingen mit dem Lärm von Hämmern, dem Schaben von Werkzeugen und dem Verladen von Proviant. Kolumbus selbst nutzte die Zeit, um weitere Informationen über die westlichen Winde zu sammeln, die ihm, so hoffte er, den Weg zu den Gewürzinseln ebnen würden. Er sprach mit den Einheimischen, mit den spanischen Siedlern, sammelte Karten und Gerüchte. Es war eine letzte Chance für die Männer, festen Boden unter den Füßen zu spüren, bevor sie sich einem Ozean auslieferten, von dem niemand wusste, wie breit er wirklich war oder was jenseits seines Horizonts lauerte. Die Insel, einst ein letzter, felsiger Außenposten der europäischen Welt, sollte bald zu einem Sprungbrett in eine ganz andere werden. Ein Ort, an dem ein defektes Ruder die Geschichte der Menschheit um einige Wochen verzögerte, bevor sie dann umso unaufhaltsamer ihren Lauf nahm.
Als die drei Schiffe schließlich die Kanaren verließen, waren sie nicht nur besser ausgerüstet, sondern auch psychologisch bereit für das große Abenteuer. Oder zumindest so bereit, wie man sein kann, wenn man sich auf die Suche nach Indien macht und stattdessen einen ganzen Kontinent findet, der noch nicht weiß, dass er von Europa entdeckt werden wird. Der Kapitän der Pinta, Martín Alonso Pinzón, hatte diesmal keine Sabotageakte mehr zu befürchten. Sein Schiff war seetüchtig, die Segel gesetzt. Sie waren bereit. Und die Welt war es auch, nur eben nicht auf die Art, wie Kolumbus es sich vorgestellt hatte.